Kirchliche Dokumente zu Friede und Sicherheit

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"Star-Trek für Auslandseinsätze" PDF Drucken E-Mail
von Gugerel/Marchl/Wagnsonner   
Dienstag, 24. November 2009

Vom 17.- 19. November 2009 veranstaltete die Österreichische Katholische Militärseelsorge ein Seminar auf dem Iselsberg zum Thema Star Trek für Auslandseinsatz. Unter Leitung von Militärkurat Stefan Gugerel von der Heeresunteroffiziersakademie in Enns gaben Mediziner, Physiker, Sprachwissenschaftler, Historiker und Theologen Einblicke in politische, militärische und ethische Bezüge der Star-Trek-Fernsehserien und Kinofilme.



Der ausgewiesene Science-Fiction-Kenner Robert Hector gab einen Überblick über die Geschichte der Science Fiction in Roman und Film. Science Fiction steht für den Aufbruch in unbekannte Welten, außen wie innen, für die Konfrontation mit dem Fremden, aber auch für die Suche nach der Definition des Menschen und seiner Stellung im Universum. Nach einer bemerkenswerten Definition von Leslie Fiedler ist der Mythos der Science Fiction der Traum der Apokalypse, der Mythos vom Ende des Menschen, von der Transzendenz und Transformation des Menschlichen.

Nach ersten wichtigen Werken von Jules Verne und Herbert George Wells um die Jahrhundertwende erlebte das Genre in den 1930er und 1940er Jahren ein goldenes Zeitalter. Die 1950er Jahre waren von Invasionsängsten und Paranoia geprägt. In den 1960er Jahren entstand neben den drei Staffeln der Star-Trek-Originalserie der vielleicht beste Science-Fiction-Film: „2001 – A Space Odyssey“, über geheimnisvolle Signale zwischen Monolithen auf verschiedenen Himmelskörpern und eine alptraumhafte Fahrt zum Jupiter, bei dem der Bordcomputer den Großteil der Crew um die Ecke bringt. Seit Ende der 70er Jahre löste die Star-Wars-Reihe, die vor allem mit Action und Spezialeffekten punktete, einen Science-Fiction-Boom aus. Im letzten Jahrzehnt dominierten Superhelden wie Super-, Bat- oder Spiderman sowie die Schilderung posthumanistischer Gesellschaften.

Stefan Gugerel zeigte anhand ausgewählte Science fiction Filme vor allem des Nicht-US-Kinos, wie leicht Ideologien im Science-Fiction-Genre als realistische Lebensmodelle bzw. als Kritik am Mainstream dargestellt werden können.
Schon der erste große Sience fiction-Film überhaupt entstand 1929 in der Sowjetunion: Aelita behandelt die Frage, wie die gesellschaftliche Umformung bzw. Revolution auch in außerirdischen (monarchischen) Gesellschaften umgesetzt werden können. Vor allem der 1960 erschienene DDR-Film "Schweigender Stern" nach einer Romanvorlage des polnischen Autors Stanislaw Lem setzt sich deutlich von den damals im Westen üblichen Invasions- und Kampffilmen ab, indem er eine internationale Besatzung (ohne Hierarchie) auf der Venus Reste einer Zivilisation finden läßt, die sich durch einen Krieg selbst ausgelöscht hat.
Die französisch-italienische Comic-Verfilmung Barbarella mit Jane Fonda in der Titelrolle brachte das Flair der 68-Revolution ins Weltall, indem dort eine Heldin mit dem Wahlspruch "Sieg der Liebe" Probleme mehr mit Sex als mit Waffen löst. Zuletzt erschien mit Koi mil gaya (Sternenkind) 2003 auch eine Bollywood-Adaption des SF-Genres, bei der neben Außerirdischen auch die klassischen Elemente des indischen Films wie Tanz- und Gesangeinlagen sowie Familien- und Standesverwicklungen eine Rolle spielen.
In einem zweiten Referat stellte Gugerel kurz die bisher erschienen Kinofilme und Serien des Star-Trek-Universums vor.

Gernot Grömer vom Österreichischen Weltraumforum ging auf den wechselseitigen Ideentransfer zwischen Science Fiction und Naturwissenschaften ein. Sogar die Europäische Weltraumbehörde (ESA) versucht im Rahmen eines Projekts Ideen aus Science-Fiction-Filmen auszuwerten, die zu technologischen Innovationen beitragen könnten. Bereits jetzt leben wir in einer Science-Fiction-Welt, verglichen mit den Standards früherer Zeiten. Als Beispiele für bereits verwirklichte oder in naher Zukunft durchaus realisierbare Projekte mit Science-Fiction-Bezug nannte Grömer insektengroße Unmanned Arial Vehicles, Ideen für einen Weltraumlift, molekulare Maschinen (Naniten), künstliche Haustiere, Pflegeroboter, Kontaktlinsen mit eingebautem Display, Wetterkontrolle und Terraforming.

Grömer geht auch davon aus, dass es auf anderen Planeten mit großer Wahrscheinlichkeit Leben gibt und wir auch bald Beweise dafür haben könnten. Bei der ungeheuren Zahl an Sonnensystemen sei es frivol anzunehmen, dass es nur auf der Erde lebendige Wesen gebe. Besonders interessant sind in der engeren Umgebung der Erde abgesehen vom Mars die wasserhaltigen Kometen unseres Sonnensystems, auf denen sich auch organisches Material findet, der Saturnmond Euceladus mit seinen Wasserfontänen und der Jupitermond Europa, unter dessen kilometerdicker Eisschicht eine Schicht mit flüssigem Wasser verborgen ist. Wir wissen nicht, wie außerirdische Lebensformen aussehen würden, aber der „Erstkontakt“ wird wahrscheinlich unspektakulär sein, sich im Bereich der Grundlagenforschung abspielen und erst nach längerer Zeit und Prüfung als solcher anerkannt werden.

Christian Wagnsonner vom Institut für Religion und Frieden versuchte militärische Dimensionen der Serien herauszuarbeiten. Star Trek thematisiert eine Vielzahl militärischer Konflikte, mit denen sich die Armeen auf der Erde heute in ganz ähnlicher Weise herumschlagen müssen: Verteidigungskriege, Bürgerkriege, humanitäre Interventionen, Besatzung, Terror und seine Bekämpfung, Piraterie usw. Nicht selten beziehen sich einzelne Episoden auf ganz konkrete aktuelle oder historische Konflikte wie den Vietnamkrieg, den Kalten Krieg, den Nordirlandkonflikt oder den War on Terror, dem die Serie „Enterprise“ praktisch eine ganze Staffel widmet. Problematisch ist in diesen Episoden eine gewisse Tendenz, im Zusammenhang der Bekämpfung radikaler Bedrohungen auch rechtlich und moralisch verbotene Mittel (wie Mord oder Folter) zu legitimieren.

Die Gegner der USA bzw. des Westens treten in verfremdeter Form auf: die Klingonen etwa für Sowjetunion bzw. Russland, die Romulaner für China. Aber sie stehen nicht bloß für die unschwer auszumachenden äußeren Feinde, sondern auch für Gefahren und Tendenzen innerhalb der Föderation selbst: die Klingonen für den Rückfall in ein archaisches Kriegerethos, das sich an sekundären Tugenden wie Tapferkeit, Kampfkraft, Gehorsam und Ehre orientiert; die kultivierteren Romulaner für eine Haltung des Misstrauens gegen die anderen, die entweder zu einer Politik der Isolation oder zu militärischer Expansion führt, den Aufbau friedlicher Beziehungen aber sehr schwierig erscheinen lässt. Besonders interessant sind die Borg, bei denen die Unterordnung des Einzelnen in das Kollektiv radikal durchgeführt und die kollektive Nutzenmaximierung und der technische Fortschritt zum Selbstzweck geworden sind. Für die Borg gibt es keine Gegner mehr, die es Spaß macht zu bekämpfen und keine Feinde, gegen die man die eigene Identität aufrechterhalten kann bzw. muss, sondern der Andere erscheint nur noch als Material, den es mit seinen Fähigkeiten zu integrieren und für das Kollektiv nutzbar zu machen gilt. Die Sternenflotte, der militärische Arm der Föderation der Planeten im All, zeigt selbst ambivalente Züge: einerseits den hohen Idealen der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens verpflichtet, andererseits hochgerüstet und mit fast missionarischem Eifer immer wieder bereit, diesen Idealen notfalls auch militärischen Nachdruck zu verleihen. Die Stärke der Serien besteht aber darin, dass sie ethische Fragen, die sich aus dieser Konstellation ergeben, immer wieder diskutiert und die (zeitgebundenen) Lösungen einer Episode in späteren Episoden auch durchaus wieder in Frage stellen kann.

Otta Wenskus vom Institut für Sprachen und Literaturen der Universität Innsbruck sieht die meisten Themen der Science-Fiction-Literatur bereits in antiken Schriften behandelt (z. B. außerirdische Lebensformen, Roboter). Wirklich neu ist das Thema „Zeitreisen“ mit der Möglichkeit, die Vergangenheit zu verändern, was in der Antike nicht einmal den Göttern zugetraut wurde. In den Star-Trek-Filmen und -Serien findet sich eine Vielzahl antiker Bezüge, wobei nicht immer leicht zu erkennen ist, ob es sich wirklich um absichtliche und bewusste Rezeption handelt. Sicher der Fall ist das bei der Konzeption der Spezies der Vulkanier, die neben fernöstlichen und jüdischen Elementen viele Bezüge zur antiken v.a. römischen Kultur und zur stoischen Philosophie aufweisen. Die mit ihnen verwandten Romulaner gründen ein Großreich, ausgehend von den Zwillingsplaneten Romulus und Remus. Der romulanische Bösewicht aus dem elften Kinofilm heißt Nero und trägt Züge eines Widersachers aus der Äneis.

Die Originalserie steht jeglicher Form von Religion offensichtlich negativ gegenüber. Völker, die Religion praktizieren, werden meist als primitiv gekennzeichnet und angebliche Götter stellen sich wiederholt als Hochstapler heraus. Ein „Sense of Wonder“, ein Sinn für die Wunder des Universums und der technischen Entwicklungen, lässt für Religion im traditionellen Sinn keinen Platz. Diese Haltung ändert sich nach Gene Roddenberrys Tod vor allem ab der Serie Deep Space Nine, in der Religion, Götter und Propheten eine wichtige Rolle spielen, wenn auch die Zeichnung religiöser Phänomene sehr unbestimmt bleibt. Eine besonders interessante Figur ist der in der Next Generation eingeführte „Q“, Angehöriger einer Spezies unsterblicher, offenbar über Zeit und Raum erhabener Energiewesen, die an die epikuräischen Götter im Zwischenraum zwischen den Universen bzw. an die edelsten Verdammten in Dantes Hölle erinnern. In der Voyager-Episode „Todessehnsucht“ will einer der Q diese stagnierende, als Qual empfundene Existenzform beenden und vergiftet sich nach erlangter Sterblichkeit wie Sokrates mit einem Schierlingsgetränk.

Werner Suppanz vom Institut für Geschichte der Universität Graz zeigte auf, wie die einzelnen Star-Trek-Serien sicherheitspolitische Gegebenheiten und Konzepte abbilden bzw. thematisieren. In der Originalserie scheint in zahlreichen Folgen der Kalte Krieg zwischen Ost und West durch. Die Föderation der Planeten steht für den Westen, während das Klingonische Reich an die Sowjetunion und die Romulaner an die Chinesen erinnern. In der Episode „Errand of mercy“ wird der Kalte Krieg ironisiert: Im Zug eines Stellvertreterkonflikts geraten Klingonen und Föderation an überlegene Lichtwesen, die ihnen gehörig die Meinung sagen. Die Next Generation trägt einer komplexeren sicherheitspolitischen Situation Rechnung: Klingonen und Föderation haben sich einander angenähert, und das Klingonische Reich wird von inneren Konflikten erschüttert. Die Oberste Direktive der Sternenflotte, die eine Nichteinmischung in die Angelegenheiten (unterlegener) fremder Zivilisationen fordert, rückt stärker in den Blickpunkt des Interesses. Die biologistische und evolutionistische Sicht bleibt allerdings hier und auch in Deep Space 9 wenn auch in abgeschwächter Form erhalten. Immerhin werden differenziertere historische Erklärungen zugelassen, v.a. in der Deutung des regionalen Konflikts zwischen Cardassianern und Bajoranern. Die bislang letzte Star-Trek-Fernsehserie „Enterprise“ zeigt eine stärkere Neigung zu gewaltsamen Konfliktlösungen und eine stärkere Militarisierung v.a. vor dem Hintergrund der Anschläge des 11. September (kurz nach dem Sendestart) und des War on Terror als Reaktion darauf.

Einen interessanten Blick auf das Phänomen des Nationalsozialismus bietet vor allem die Episode der Originalserie „Patterns of Force“, in der die Enterprise-Crew auf eine nach dem Vorbild des Nationalsozialismus strukturierte Gesellschaft trifft. Hier und auch in einigen späteren Folgen in Voyager und Enterprise wird deutlich, dass der Nationalsozialismus als die Antithese zum idealen liberalen Modell, für das die Föderation steht, gesehen wird, interessanterweise viel eher als der Kommunismus. Das Bild des Nationalsozialismus ist freilich einseitig und veraltet: Er tritt in erster Linie als militärisches System auf und wird als Inbegriff von Effizienz und Ordnung interpretiert.

Oliver Gross von der Evangelischen Militärseelsorge betonte den friedlichen Charakter der Missionen der Enterprise. Anders als in vergleichbaren Science-Fiction-Serien geht es nicht in erster Linie um Kampfszenen, sondern um einen Forschungsauftrag und um den Vorrang friedlicher Formen der Konfliktlösung. Innerhalb der Föderation herrscht Friede, die Geldwirtschaft ist abgeschafft, es gibt keine Ernährungsprobleme und die Föderation ist kein faschistisches politisches System, wie man es in vielen anderen SF-Zukunftsszenarien findet. Die Oberste Direktive der Nichteinmischung in fremde Zivilisationen verliert in den späteren Serien an Bedeutung. Besonders interessant erscheint in diesem Zusammenhang die Episode der Next Generation „Who watches the watchers?“, in der die Enttarnung eines Beobachtungspostens der Föderation auf einem fremden Planeten schließlich in Ereignissen mündet, im Zuge derer die dortigen Bewohner Captain Picard als Gott verehren und dieser sich fragen muss, ob er diesen Status dazu verwenden soll, die anstehenden Probleme zu lösen. Die Aufwertung des Religiösen v.a. ab Deep Space 9 ist vor allem Ronald D. Moore zu verdanken. So nimmt etwa Sisko, der Kommandant auf Deep Space 9, religiöse Unruhen sehr ernst. Moore hat später in einer sehr bemerkenswerten eigenen Serie Battlestar Galactica manche der ab Deep Space 9 erkennbaren neuen Tendenzen fortgeschrieben.

Gerhard Marchl vom Institut für Religion und Frieden legte am Beispiel von EUFOR Tchad/RCA die Problemlage bei militärischen Interventionen heute dar. Die EU-Operation im Tschad und der Zentralafrikanischen Republik von März 2008 bis März 2009 habe, so Marchl, ihren Hauptzweck erfüllt, nämlich die Sicherheitslage der Flüchtlinge zu verbessern. Der Einsatz sei im Einklang mit der UN-Charta gestanden und angesichts der humanitären Katastrophe notwendig gewesen. Weitgehend habe er auch den in Verträgen und Strategiepapieren der EU verankerten Werten und Zielen entsprochen. Der Beitrag von EUFOR Tchad/RCA zu einem dauerhaften Frieden in der Region sei jedoch – auch aufgrund des begrenzten Mandats – eher bescheiden gewesen.